Auf zu neuen Ufern

Mit Blick auf die Erfahrungen der vergangene/n Beziehung/en denken wir meist in Defiziten und machen uns vielleicht - ausgenommen auf Harmonie gerichteter Gedanken und Gefühle – weniger Gedanken darum, welche Faktoren einer Beziehung Stabilität verleihen.

Am Anfang steht die Liebe

Ganz sicher: Verliebtheit, Liebe ist ein gutes und sicher unverzichtbares Fundament für eine dauerhafte Beziehung. Die Tragfähigkeit wird sich nach Jahren der Arbeit an der Erweiterung und Festigung dieses Fundaments dann erweisen, wenn es in der Beziehung kriselt oder gar heftig kracht und die beiden in der Beziehung vorübergehend (nichts ist beständig, oder?) unglücklich sind. Durch Liebe entsteht eine Bindung, die die vormals fremden Welten von zwei Menschen verbindet, ein neues „System und Haus“ entstehen lässt, in dem beide sich wohl fühlen.







Klar und immer wieder beobachtbar: Verliebte haben oft die rosarote Brille auf, blenden aus Lebens- und Liebes-Sehnsüchten nicht Passendes aus und Erwartetes hinein, glorifizieren und begehen scheinbar und wirklich andere für die Umwelt nicht nachvollziehbare Torheiten. Wir alle kennen aber auch jede Menge Menschen, die sich, ohne verliebt zu sein, in gleicher Weise verhalten und Torheiten begehen, über die wir nur den Kopf schütteln können.

Vielleicht sollten wir eher die positive Effekte dieser Hochs am Anfang der Beziehung sehen: wir sehen die besten Möglichkeiten des Lebenspartners, die bisher nicht realisiert werden konnten, einen Schatz, der darauf wartet, mit kleinen und großen Anstrengungen von beiden Seiten gehoben zu werden und dann zur Freude beider ständig gepflegt und durch Neues bereichert wird. Ganz sicher trifft auch zu, in der Verliebtheit der ersten Zeit entsteht auch die Vision und damit ein Leitbild, wie die Beziehung, der gemeinsame Lebensweg sein könnte. Und das hilft, sich in schwierigen Zeiten zu erinnern und wieder auf den gemeinsamen Weg zu kommen.

Gemeinsamkeiten festigen,  Unterschiede machen die Beziehung spannend

Unterschiede, kleinere Gegensätze machen die Beziehung spannend, sind das Salz in der Suppe. Aber so wie man auch in der Suppe nur eine Prise Salz als bekömmlich erachtet, so kann man auch die Gegensätze ansehen. Zu viele oder zu große Gegensätze lassen aus positiver Spannung echte und störende Spannungen werden, die letztlich zu Distanz und leicht ins Aus führen.

Ohne die sich gegenseitig anziehenden kleinen Unterschiede bzw. Gegensätze allerdings wäre kein Salz in der Suppe. Kommt dann noch totale Übereinstimmung in Grundsätzen und Lebensgewohnheiten dazu, dann kann (muss nicht) die Beziehung über kurz oder lang sehr langweilig werden bzw. es können Spannungen auftreten, weil einer oder beide ihre eigene Identität aufgeben.

Die Basis aber muss stimmen. Dazu gehören Nationalität und damit Kulturkreis, das soziale Milieu, der Bildungsstand, Weltanschauungsfragen, Geschmacksfragen, für gemeinsame Aktivitäten und Erleben übereinstimmende Interessen. Weiter ein Aktivitäten und Erleben nicht behindernder Altersunterschied und sicher Übereinstimmung in den grundlegenden Gewohnheiten zum Lebensstil, Alltag, Freizeit und Urlaub. Es lohnt sich, diesen die Basis bildenden Merkmalen auf den Grund zu gehen, nachzuschauen: was stimmt, was will ich auf keinen Fall, was will bzw. wünsche ich mir, was kann ich in Akzeptanz der Andersartigkeit meines Partners akzeptieren bzw. tolerieren. Die Checkliste „Bestandsaufnahme“ kann ihnen dabei sicher eine Hilfe sein.

In der gemeinsamen Welt die eigene Identität mit eigener Welt beibehalten

Durch Liebe gegebene Bindung und ein breites Spektrum an Gemeinsamkeiten sind sicher hervorragende Voraussetzungen für eine stabile Beziehung, aber eben auch gefährlich, wenn einer oder beide ihre Eigenständigkeit, Ihre Identität und damit Unverwechselbarkeit für den jeweils anderen aufgeben. Das bedeutet (sicher auch abhängig von der Phase der Beziehung, z. B. Kleinkinder): eigener Beruf, eigenes Geld, eigene Kontakte, eigene Interessen, eigene Meinungen und eigene Ziele, die mit den dorthin führenden Wegen und Aktivitäten gelebt werden. Und das bedeutet ganz sicher, die Freiheit zu haben, dieses Eigene (ohne Egoismus und Übertreibung in Richtung „die Beziehung ist Anhängsel an mein Leben) zu pflegen. Damit bleibt der Zustand, bleiben die Gefühle der Freiheit und Liebe am Anfang der Beziehung erhalten bzw. wach, den anderen so zu lieben, wie er ist, so geliebt zu werden, wie man ist.
Unfreiheit in der gemeinsamen Welt ist auch den anderen zu „brauchen“, ohne ihn „nicht leben“ zu können, abhängig von seiner Nähe zu sein. Irgendwann wird einem das bewusst, wird man / frau dieses Zustands überdrüssig und denkt an Ausbruch aus dem fremd- oder gar selbst errichteten Gefängnis, das die eigene Entwicklung behindert. Es lohnt sich wirklich, die mit der „gewünschten Nähe“ zusammenhängenden Aspekte näher anzuschauen und über den Status und notwendige Veränderungen Klarheit für sich zu gewinnen, um dann mit kleinen und großen Schritten zu größerer Eigenständigkeit zum Gelingen der Beziehung beizutragen. Auch hier kann die Checkliste „Bestandsaufnahme“ wertvolle Hilfestellung leisten.  

Geben und Nehmen: ohne Buchhaltung und Rabattmarkenbücher

Wird über die zurückliegende Beziehung gesprochen, so geht es oft darum, dass einer (zu-) viel gegeben, der andere (zu-) viel genommen hat oder der eine nicht genug geben, der andere nicht genug annehmen konnte. Eine/r hat sich abgestrampelt, der/die andere konnte es nie recht machen. Mal kann man mit Nachsicht auf das fehlende Vermögen zu partnerschaftlichem Verhalten schauen, mal kommt noch einmal Wut hoch. Auf jeden Fall ist die Schieflage aus den Einstellungen der beiden, zunächst aus Harmoniestreben überdeckt oder aus Zwängen oder Rollenbildern heraus zunächst akzeptiert und langsam zur Gewohnheit geworden. Bis dann irgendwann die Unausgeglichenheit zwischen Geben und Nehmen langsam oder auf einen Schlag bewusst wurde, die sich daraus resultierende Distanz zum Ausbruch zu anderen Menschen und Aktivitäten und zu einer neuen Beziehung führte, in der Geben und Nehmen in der Waage sind.
In diesem Zusammenhang muss aber auch gesagt werden, dass eine Lebensbeziehung im Geben und Nehmen, wie es heute leider auch oft zu beobachten ist, keine Geschäftsbeziehung ist, bei der Geben und Nehmen wie in einer Buchhaltung akribisch festgehalten werden und die Konten ständig in Soll und Haben ausgeglichen sein müssen. Ausgeglichene Konten kann nur bedeuten, wenn wir schon beim Beispiel der Buchhaltung bleiben, dass die Lebenspartner immer wieder über ihr Empfinden zum Geben und Nehmen sprechen und dadurch auch immer besser verstehen, dass Männer und Frauen dabei mit unterschiedlichen „Wechselkursen“ die gegenseitigen Leistungen verbuchen. Und manchmal ist es auch so, dass einer der Partner über lange Zeit das Konto im Soll hat, zum Beispiel erst durch uneingeschränkten Einsatz in einer schwierigen Situation unter Beweis stellt, dass er alles geben kann und auch gern gibt.
Auf jeden Fall ist darüber immer wieder zu sprechen, weil sonst teilweise über Jahre bis zum Ende der Beziehung „Rabattmarken“ geklebt und dann, weil oder endlich voll, auf den Tisch geknallt und Marke für Marke mit schäumender Aggressivität als „Gründe für das Ende“ präsentiert werden. Das können Sie sich und dem Partner ersparen. Außerdem ersparen Sie sich durch Verzicht auf die Abrechnung auch eine Hypothek für die neue Beziehung.  

Ich bin nicht Du und deshalb ist es gut,  was geschieht, durch Deine Augen zu sehen

Sicher ist es so, dass wir in der Beziehung unsere vormals fremden Welten miteinander verschmelzen, aus grundlegender Übereinstimmung heraus vieles gleich betrachten oder einfach die Ansichten zur Übereinstimmung bringen. Im Laufe der Zeit und in den verschiedensten Situationen erleben wir dann aber Meinungen und Reaktionen, die uns fremd, überraschend oder gar total unrealistisch erscheinen, weniger oder auch mehr auf Distanz bringen, in Wut versetzen oder auch resignieren lassen. Wenn wir dann nicht bereit sind, uns in die Lage des Partners zu versetzen, nicht bereit sind zu versuchen, aus seiner Perspektive auf die Situation zu schauen, nicht bereit sind zu fragen und darüber miteinander zu reden, dann bauen sich Spannungen und Konflikte auf, wird die Distanz größer und größer, kommt es abhängig von Geduld und Aggressionspotenzial des einen oder anderen irgendwann zum (verletzenden) Streit, bei Widerholung zum unvermeidlichen Crash. Sind wir grundsätzlich bereit, durch Fragen und nach Antworten die Perspektiven des Partners einnehmen und zu verstehen, dann bestätigen wir den Partner in seiner Eigenständigkeit und festigen damit trotz Konflikt die liebevolle Beziehung. 'Wir fühlen uns angenommen und haben Gelegenheit bekommen, Störendes aus dem Weg zu räumen. Gleichzeitig reduzieren wir den Stress, der auf Dauer mürbe und die Beziehung brüchig macht. 

Kompromisse schließen, aber die Beziehung dabei nicht ökonomisieren

Insbesondere in einer auf Liebe gründenden Beziehung koexistieren Zwei unter der fundamentalen Bedingung von Existenz – Vertrauen. Eingeschränktes oder gar fehlendes Vertrauen verhindert durch die darin eingebettete Negation des Anderen Nähe, Liebe und damit auch die Bereitschaft zum Geben und Nehmen.

Sicher kann man auch kritisch auf die sich mehr und mehr festigenden Charakteristika unserer Kultur schauen und begreift schnell, dass der allgemein so gepriesene Wettbewerb keine Quelle eines Fortschritts darstellt. Eher werden die Möglichkeiten einer friedlichen, auf Nachhaltigkeit und auf gegenseitigen Respekt und gegenseitig nicht störenden Wachstums ausgerichteten Koexistenz eingeschränkt, eben weil der / die anderen negiert werden. Ehrgeiz und Misstrauen, Streben und die Sucht nach Macht und Kontrolle sind allgegenwärtig. Und diese Faktoren sind es auch, die Liebe zum Verschwinden bringen.

Die Ökonomisierung von Beziehungen – Ansprüche werden ausgetauscht, Bedürfnisse verhandelt, Zugeständnisse erzwungen – zerstören den Genuss des einfachen Zusammen-Seins, weil man das Miteinander nach dem Muster des kommerziellen Geschäftemachen organisiert. Die Basis ist dann nicht mehr das wechselseitige Vertrauen, der gegenseitige Respekt, sondern man verhandelt mit Blick auf den eigenen Vorteil.

Natürlich wird man / frau heute, nachdem viele von außen einwirkenden Regelungen entfallen sind (jeder leben kann wie er will), mit der/m Partner/in über fundamentale Lebensfragen und die alltägliche Lebensgestaltung intensiv austauschen und Kompromisse schließen, mit denen man gut leben kann. Wenn bei diesen Gesprächen das vorher auch zum „Geben und Nehmen“ und zum „Blick durch die Augen des Anderen“ Geschriebene Berücksichtigung findet und damit das Vertrauen wie die Liebe gestärkt wird, dann geht es beiden mit den gefundenen Kompromissen gut. 

Gemeinsame Träume, gemeinsame Ziele, tiefe Verbundenheit

„Für ein Schiff, das keinen Hafen hat, ist kein Wind der richtige“, so eine Aussage von Montesquieu. Diese Aussage lässt sich auf die Paarbeziehung übertragen. Es ist leicht vorstellbar, wie es den beiden nach einer Weile des sich dem Wind überlassen geht, wenn Sie weder vor dem Ablegen noch vor Auslaufen aus dem Hafen über ihre Träume und Ziele gesprochen haben, die auch mit Anstrengungen durch diese wahrscheinlich lange Reise Wirklichkeit werden, sie gemeinsam erreichen wollen. Irgendwann verlässt einen oder beide die Lust, sie werden nachlässig, verlieren an persönlicher Kraft, setzen das Schiff auf Grund oder stranden bei einem Unwetter.

Für heutige Paare kann das in der Übertragung bedeuten, dass auch jenseits der Familie ein gemeinsamer Traum, gemeinsame „wertvolle“ Ziele da sein sollten, für die beide bereit sind sich zu engagieren. Das kann ein Hobby, spirituelles Wachstum, politisches oder soziales Engagement oder können andere von beiden als wertvoll erachtete gemeinsame Aktivitäten sein, durch die sie sich in der Tiefe von Herz und Seele verbunden fühlen, sich gegenseitig anregen und inspirieren und bis ins hohe Alter immer wieder daraus Kraft für die Erreichung des Ziels schöpfen, wohl wissend, das der Weg das Ziel ist.

 

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